Jesus auf dem Prüfstand – die Ehebrecherin

24. Januar 2019

Die jüdische Elite sucht einen Grund, um Jesus bei den Römern anzuklagen. Mit einer Ehebrecherin ergibt sich für sie eine gute Gelegenheit dazu (Johannes 8,2-11), denn die jüdische Torah (5 Bücher Mose) sagt, dass eine Ehebrecherin sowie der Ehebrecher den Tod verdient haben (3.Mose 20,10). Doch den Juden ist es von den Römern verboten worden, selbst Todesurteile auszusprechen und sie zu vollziehen (siehe Johannes 18,31: „Dann nehmt ihn mit und verurteilt ihn nach eurem Gesetz!“, entgegnete Pilatus. „Aber wir dürfen doch niemanden hinrichten“, wandten sie ein). Allerdings gab es zu dieser Zeit durchaus Volksjustiz wie bei Stephanus (Apostelgeschichte 7,58) oder bei dem Versuch Jesus in Nazareth zu töten (Lukas 4,29).

Jesus sitzt in der Klemme. Achtet er das biblische Gesetz oder wird er durch das Aussprechen eines Todesurteils gegenüber den Römern straffällig? Ganz gleich, wie Jesus auf die Frage der Pharisäer antwortet: Er muss zu Fall kommen. Jesus durchschaut jedoch seine Gegner. Er verhält sich anders als erwartet und antwortet gar nicht. Er verweigert eine Diskussion.

Stattdessen konfrontiert Jesus die Ankläger mit sich selbst: „Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!“ Aus dem Kollektiv der Beschuldiger, die sich gemeinsam stark fühlen, werden Einzelne. Jesus erinnert die Ankläger an die eigenen Verfehlungen. Können sie ihre Hände in Unschuld waschen? Anstatt mit dem Finger auf andere zeigen zu können, geraten sie auf diese Weise selbst in den Fokus.

Als Jesus die Ankläger auf ihre eigene Schuldhaftigkeit hinweist, ziehen sie sich zurück. Auch Jesus verzichtet auf die Verurteilung. Jesus stellt bei der Ehebrecherin überhaupt nicht die Schuldfrage. Er nimmt sie aus der Schusslinie und registriert lediglich: Keiner hat sie verurteilt.

Mit diesem Verhalten definiert Jesus den Umgang mit dem biblischen Gesetz. Er verharmlost die Tat nicht. Der Ehebruch wird nicht zu einem „Kavaliersdelikt“. Aber er verurteilt die Frau auch nicht. Vielmehr fordert er zur Umkehr auf: „Sündige nun nicht mehr!“ Gottes Liebe lädt zu Hingabe und Neuausrichtung ein.

Das ist der Schlüssel zu den Anforderungen der göttlichen Gebote. Die Gebote sind für uns Zielvorgabe und Orientierung, weil sie die gute Absicht haben, uns Menschen vor dem Chaos zu bewahren.

Gott liebt mich, weil ich bin. Er will mich zu einem Menschen nach seinen Gedanken machen. Wer sich nicht auf Gott ausrichten will, hat noch nicht verstanden, wie gut es der himmlische Vater mit uns meint und dass ein Leben ohne ihn im Chaos endet.

David hat das so beschrieben: „Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.“ (Psalm 25,15)

Wie die Frau reagiert hat, wissen wir nicht. Sie hat weder ein Schuldgeständnis abgelegt noch Jesus um Vergebung gebeten oder ihm gedankt. Wichtig ist an dieser Stelle nur die Lektion, dass die Liebe von Jesus zu einer Neuausrichtung unseres Lebens motiviert, in dem wir ihn lieben.

Offen bleibt auch die Frage, wo der Mann geblieben ist, der an dem Ehebruch beteiligt war. Auch ist nicht klar, ob überhaupt die gesetzlich geforderten zwei bis drei Zeugen vorhanden waren (5.Mose 19,15). Jesus fragt nicht einmal danach.

Viel Rätseln hat auch das Schreiben auf der Erde ausgelöst. In Jeremia 17,13 steht: „Wer sich von dir abwendet, dessen Name vergeht so schnell wie ein Wort, das man in den Sand schreibt.“ Hat Jesus diesen Vers auf den Boden geschrieben? War es eine Botschaft an die Gelehrten? Oder hat er Sünden aufgeschrieben, die sie betreffen? Ein biblisches Manuskript dieser Geschichte ergänzt: Jesus „schrieb die Sünden eines jeden Einzelnen von ihnen auf die Erde“ (Nestle, Minuskel 700 zu Vers 8).

Spannend ist auch wie Jesus diesen Konflikt mit den aufgebrachten Menschen löst: Ruhe bewahren. Nicht unmittelbar mit Gegenargumenten antworten. Sich Zeit nehmen. Notizen machen. Eine reflektierende Frage stellen. Jedem die Möglichkeit geben sich elegant aus der Auseinandersetzung zurückzuziehen. Die Möglichkeit zu einem Neuanfang geben.

Mit unseren Sünden stehen wir immer allein vor Jesus. Er ist der einzige, der ohne Sünde ist (Hebräer 4,15). Er hätte den Stein werfen können. Doch er gibt eine Chance. Er segnet nicht alles ab. Seine Liebe zeigt auf, wie wir ins Verderben laufen. Doch er will uns an der Hand nehmen und einen neuen Weg führen.

Das ist ein Impuls aus den Entdeckungen in ergebnisoffenen Bibelstudiengruppen im Linthgebiet.

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