Kann es im Angesicht des Leidens einen guten Gott geben?

26. Juni 2020

Die Frage nach dem Leid ist eine der großen Menschheitsfragen. Als Reaktion auf Leiden kann man entweder einen Schuldigen suchen  oder wie im Buddhismus jegliche Wahrnehmung ignorieren.

Es gibt aber auch den Weg, im Leiden das Offenbarwerden des Guten zu erkennen: Das Licht verdrängt die Dunkelheit.

Wenn es keinen guten Gott gibt, dann gibt es auch keine allgemeinen moralische Werte. Dann heißt Leben einfach, zu fressen und gefressen zu werden. Ein Tier ist nicht unmoralisch. Wenn Moral keinen absoluten Anhaltspunkt hat, gibt es kein Richtig oder Falsch. Man tut, wonach man sich gerade fühlt. Jesus hat darum zu Pilatus gesagt: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“  (Johannes 18,37). Und er sagt über den Heiligen Geist: „Wenn aber jener kommt, der Geist  der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten  (Johannes 16,13). Ein Tier lernt vom Menschen oder aus Erfahrungen, welche Handlungen welche Konsequenzen haben.

Einwenden könnte man, die Moral sei, dass alles erlaubt ist, solange ein anderer dadurch nicht leidet oder ihm geschadet wird. Doch die Realität  ist, dass wir dann für uns allein leben müssten. Die Interaktion mit anderen Lebewesen bringt immer sowohl Glück als auch Verletzungen mit sich.  So kann man jemanden in guter Absicht beschenken, doch dieser empfindet das als Beleidigung. Nicht mein Handeln allein, sondern die Interpretation des anderen entscheidet über Freude oder Enttäuschung.

Wenn man die Frage nach dem Leid so versteht, dass wir die Wahl haben, ob Gott oder das Leid existiert, dann stellt sich die Frage nach unserem Gottesbild. Ein selbstgemachtes Gottesbild  kann es nicht geben, da jeder andere Dinge in Gott hineinprojiziert. Der biblische Gott offenbart sich im  Leid.

Viel Leid verursachen wir selbst, indem wir keine guten Entscheidungen fällen. Wir sind also dafür selbst verantwortlich. Die Ursache für viel Leid liegt darin, wie wir miteinander umgehen, obwohl wir wissen, dass es nicht gut ist. Wir wählen das Leid und nicht Gott, zum Beispiel durch Kriege, Machtkämpfe oder Patchwork-Beziehungen. Wir horten, statt zu teilen. Statt einander zu fördern und wertzuschätzen, konkurrenzieren wir miteinander. Und einige suhlen sich in der Opferrolle, anstatt Hilfe in Anspruch zu nehmen und selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

Doch obwohl die Verantwortung bei uns selbst läge, haben wir die Tendenz, uns selbst zu rechtfertigen. Wir sagen nicht die Wahrheit, verstehen uns aber nicht als Lügner. Manche sagen, Gott solle das Böse beseitigen, vergessen aber dabei, dass sie davon auch selbst betroffen  wären, denn kein Mensch ist durch und durch gut. Darum will uns der biblische Gott aus dem Machtbereich des Bösen herausretten. Andere Religionen versuchen das, indem sie ihr Leben optimieren. Der Buddhist versucht alle Empfindungen zur unterdrücken. Andere versuchen Gott mit guten Taten und Religiosität zu beeindrucken  und sich Anerkennung zu verdienen. Wieder andere versuchen schlechte Energien oder böse Geister abzuwenden.

Doch Gott sieht nicht tatenlos zu. Gott nimmt unsere Zielverfehlung  todernst, begegnet uns in Jesus und stirbt für uns am Kreuz. Sein Weg  ist vielleicht nur anders, als wir uns das vorgestellt haben. Im Kreuz  wird uns die menschliche Böswilligkeit  vor Augen gemalt. Die Konsequenzen  eines Lebens ohne Gott werden uns aufgezeigt. Dabei offenbart sich  die Liebe Gottes, indem Jesus für uns starb. Jesus sagte: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Johannes 15,13). Zugleich durchlebt Gott das Leid. Er weiß, wie es sich anfühlt, verlassen zu sein.

Gottes Liebe und Barmherzigkeit erfährt der Mensch im Leiden. Gottes Weg aus dem Leid ist, dass wir Leid erkennen und überwinden (es nicht selbst wählen), indem wir Leid aushalten und nicht verdrängen. Dadurch lernen wir Empathie (Empfindsamkeit) und Vertrauen in Gott  (Glauben) und erleben Gottes Durchtragen, seine Barmherzigkeit  und seine fürsorgliche Liebe.

Liebe heißt nicht, für jemanden alle Schwierigkeiten zu beseitigen, sondern einem Menschen zu helfen, sich zu einer Persönlichkeit nach den Gedanken Gottes zu entwickeln und damit Gottes Art in dieser leidenden Welt widerzuspiegeln. Und genau dazu begabt und fördert uns Gott.

Damit der Mensch Gott aus freien Stücken lieben kann (Lukas 10,27), braucht es auch die Möglichkeit, ihn abzuweisen. Diese Möglichkeit zur Wahl offenbart, dass Gott Liebe ist. Bei Gott gibt es keinen Zwang, aber auch kein falsches Spiel. So schließt der rechte Gebrauch den Missbrauch nicht aus. Ein Ort der Gegenwart Gottes (der Himmel) lässt den Ort der Abwesenheit Gottes zu. Jetzt haben wir täglich die Möglichkeit, uns dafür zu entscheiden, Gott zu lieben.

Was ist ein großer Glaube? Alles von Gott zu erhalten, was man sich wünscht oder auszuhalten und Gott zu vertrauen, wenn es anders läuft, als man es erwartet hat? Kann es Gott uns zumuten, auch notvolle Situation auszuhalten? Gott sagt zu Paulus: „Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet“ (2.Korinther 12,9).

Die Liebe Gottes offenbart sich im Leiden. Gott offenbart sich im geopferten Lamm: „Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus“ (Offenbarung 22,1).

Leiden schließt Gott nicht aus, sondern im Leiden erfährt man die Hilfe Gottes. Vielleicht nicht so wie wir es erwartet haben, doch Barmherzigkeit  und Liebe offenbart sich, wenn wir nichts mehr zu bieten haben.

https://www.obrist-impulse.net/kann-es-im-angesicht-des-leidens-einen-guten-gott-geben

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